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„Ehrlich währt am längsten…?“

29. April 2021

Sage ich meinem Partner meine optische oder sexuelle Vorliebe/Kink/Fetisch oder lieber nicht?

„Der Herr und ich kannten uns noch nicht lange, dennoch fühlte sich unsere Verbindung schon sehr tief und vertraut an. Wir redeten über so manch großes und kleines Geheimnis, über verborgene Fantasien und tiefsitzende Sehnsüchte. Dabei nahm sich der Herr immer ausreichend Zeit und erklärte mir viele Sachverhalte ausführlich wie auch seine persönlichen Sichtweisen und Standpunkte zu den Dingen. Ich war im BDSM noch recht unerfahren und freute mich sehr darüber, in ihm einen erfahrenen und reifen Meister und Menschen kennengelernt und gefunden zu haben.

Eines Tages erwies er mir einen sehr großen Vertrauensbeweis – So sehe ich es heute rückblickend, erfahrener an Leben und Jahren. Zu dieser Zeit des Geständnisses jedoch tat sich der Boden unter mir auf. Der Herr erzählte mir von seiner Vorliebe für blonde Frauen.

Blonde Frauen?

Ich dachte, ich hatte nicht richtig gehört und fing sogar an zu weinen. Er hätte mich in diesem Moment auch schlagen können, ich wäre nicht minder geschockt gewesen. „Der Herr steht auf blonde Frauen?“, fragte ich mich immer wieder in Gedanken.

Das Pikante war dabei: Ich bin brünett.

Warum tat er mir das an? Warum sagte er das nicht gleich zu Beginn, als wir uns kennenlernten? Warum kamen wir dann überhaupt zusammen? Fragen um Fragen quälten mich.

Ich war zuvor sehr offen gegenüber anderen Frauen in seinem Freundeskreis, hatte mich nicht als eifersüchtig wahrgenommen in unserer Beziehung… Und jetzt deutete ich alles als Ablehnung gegen mich, wenn der Herr zum Beispiel einmal ein GIF schickte, auf dem zufälligerweise eine blonde Frau gezeigt wurde. Diese Information, die der Herr mir da gegeben hatte, zog sich wie schleichendes Gift durch unser Zusammensein. Ich hatte seitdem stets das Gefühl, minderwertig zu sein, eine Zwischenstation, bis er endlich eine passend BLONDE Sub finden würde.

Schleichendes Gift

In meiner Verzweiflung bot ich ihm sogar einmal an, während einer Session eine blonde Perücke zu tragen, damit ich ihm seine Vorliebe erfüllen konnte. Der Herr erklärte es tausend Mal und bereute vermutlich weitere tausend Mal, mir von seiner Vorliebe überhaupt erzählt zu haben. Er sagte mir immer wieder, er wolle keine blonde Sub als Partnerin, seine Fantasie, sein Kink war, dass ich in einer Session eine blonde Sub züchtigte und dominierte und wir beide miteinander Spaß hatten, während er zuschaute. Er wollte die blonde Sub nicht einmal berühren, geschweige denn sie mir vorziehen, denn er liebte mich und war kein Freund davon, mehrere Subs zeitgleich zu haben.

Es sei aber nicht dringlich und ich solle dies wieder vergessen, was er gesagt hatte. Er hatte das alles nicht gewollt, was es ausgelöst hatte und dass ich es so aufgenommen hatte. Und letztendlich, so reflektierte ich es noch Jahre später, war er wohl im Herzen tief von mir verletzt gewesen, dass ich sein Vertrauensbeweis, mir von einer seiner Fantasien zu erzählen, nicht erkannt und so reagiert hatte, wobei er sich zuvor alle meine Fantasien anhörte.

Ich war zu dieser Zeit nicht reif genug, es als solches zu sehen. Zum heutigen Zeitpunkt wäre es für mich eine gute Möglichkeit, das zweisame Spiel zu bereichern. Es gibt Vorlieben und Kinks, auch Fetische. Diese haben jedoch nichts damit zu tun, dass dadurch der eigene Partner minderwertiger wird. Natürlich wäre es manchmal schöner, man könnte mit seinem Liebsten Fantasien teilen, bestimmte sexuelle Techniken ausleben, ohne dies vielleicht anderweitig suchen zu müssen. Andererseits – Wäre ich blond gewesen, so weiß ich heute, hätte mich der Herr seinerzeit wahrscheinlich nicht gewählt.“

Vertrauen und offene Kommunikation

Wichtig ist so finde ich, zu vertrauen. Männer sind meiner Erfahrung nach in dieser Hinsicht sehr klar und pragmatisch. Wenn dir dein Partner, er habe eine Vorliebe für eine bestimmte Haarfarbe oder einen bestimmten Frauentyp, du seist jedoch dennoch für ihn perfekt, auch wenn du diesem nicht entsprichst, so glaube ihm das bitte, denn dann spricht er höchstwahrscheinlich die Wahrheit.

Vertrauen ist hierbei sehr wichtig, genauso wie die offene Kommunikation darüber. Auf keinen Fall sollten Selbstzweifel aufkommen beim Gegenüber, das ist leider oftmals der Anfang vom Ende. Sehe es immer als ein großes Geschenk an, wenn dir dein Partner eine sexuelle oder optische Vorliebe oder eine Fantasie präsentiert und dich an seinem Seelenleben teilhaben lässt. Wenn du unsicher bist, frage nochmal nach, inwiefern dieser Wunsch Einfluss auf ihn hat. Ist es eine Fantasie, die nicht weiter drängt? Oder ist es ein ausgewachsener Fetisch, der nicht unterdrückt werden kann? In diesem Fall schenke ihm Entfaltungsfreiheit und glaube an eure Liebe.

Der Sinn von Liebe meint Freiheit schenken

Schenke ihm die Sicherheit des Verstandenseins und Angenommenseins und übe dich in Toleranz. Gestatte ihm Wege zu gehen, um inneren Frieden zu finden. Denn das ist meines Erachtens der Sinn von Liebe – Freiheit zu schenken, um dass dein Partner sein Glück finden kann.

Heimlichkeiten, Unausgesprochenes und Unterdrücktes wird auf kurz oder lang eure Beziehung vergiften und zerstören, das liegt oftmals in der Natur der Dinge.

Sagen oder nicht sagen?

An dieser Stelle sei noch eine weitere Überlegung erwähnt: Soll ich wirklich immer ehrlich sein? Soll ich meiner Partnerin/meinem Partner meinen Fetisch „beichten“? Soll ich ihr/ihm sagen, dass ich eigentlich Rothaarige bevorzuge, ob denn sie/er jedoch blond ist?

Als ich früher noch beruflich in der psychologischen Beratung tätig war, kam ich einmal mit einem Mann in das Gespräch, der eine Vorliebe für große Brüste hatte. Seine Partnerin jedoch hatte eher kleinere Brüste. Dennoch liebte er sie vollkommen, denn für ihn zählte das Gesamtbild. Doch immer wieder kam diese Vorliebe hoch und entwickelte sich bei ihm zu einem Kink, der nahe an ein Fetisch reichte. Wenn er auch nur Frauen mit großen Brüsten sah, konnte er sich kaum an sich halten.

Dieses Unterdrücken führte dazu, dass er mittlerweile Erektionsprobleme im Liebesspiel mit seiner Partnerin bekam und heimlich andauernd Pornos konsumierte, um diesem Verlangen nachzugehen. Er dachte an Fremdgehen, doch sein schlechtes Gewissen seiner Partnerin gegenüber wuchs in das Unermessliche. Gleichsam wuchs die Begierde nach großen Brüsten immer mehr…

Was hätten Sie diesem Mann geraten, hätte er Sie um Rat gefragt?

Eine schwere Frage, nicht wahr?

Schwierig kann es auch werden, wenn sich Partner innerhalb einer Beziehung optisch sehr verändern oder sich sexuelle Wünsche auftun, die 10 Jahre zuvor beim Kennenlernen vielleicht noch nicht da waren oder noch im Inneren verborgen schlummerten.

Auch kann ich aus der Sicht der Frau sagen, dass es erstmal nicht schön ist, wenn dir dein Herzenspartner sagt, er stehe optisch auf einen ganz anderen Typ als man selbst ist oder er hat eine bestimmte sexuelle Vorliebe, die man nun gar nicht teilt und auch nicht ausprobieren möchte.

Ich denke, jeder von uns wird diese Frage sehr individuell beantworten. Und genau das ist das Gute daran. Wir sollten nie den Menschen aus dem Blick verlieren, der hinter den Worten und Aussagen steht. Und wir sollten einander vertrauen, denn wo noch gesprochen wird, ist noch Liebe.

Ist dies nicht immer besser, als wenn das Sprechen versiegt?

Natürlich spreche ich hier aus meinem Herzen, meinen persönlichen Erfahrungen und Ansichten, die niemanden verletzen, angreifen oder triggern sollen. Dies ist mir an dieser Stelle wichtig zu erwähnen.

Und so halte ich mich persönlich an die Worte, die einst der Psychoanalytiker Friedrich Nietzsche fand (Zitat):

„Die dümmste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt.“

Hinweis: Dies ist ein Gastartikel der Autorin Julia. Falls Ihr noch mehr Interessantes von Julia lesen möchtet, besucht sie gerne kostenfrei bei Gewürzt mit Herz oder auf ihrem Twitter-Account Julia

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